«Ich hätte nie gedacht, dass ich nach 30 Jahren Anatomie nochmals neu lernen würde»

30 Jahre Chirurgie – und noch immer neugierig auf das, was kommt. Prof. Dr. med. Ulrich Dietz über Robotik, KI und warum man nie aufhört zu lernen.

Medicus

16.09.2026

30 Jahre Chirurgie, mehrere Innovationen und noch lange nicht genug: Prof. Dr. med. Ulrich Dietz, Chefarzt Chirurgie beim Spital Olten, erlebt aktuell einen weiteren grossen Wandel seines Fachs. Robotik und künstliche Intelligenz verändern nicht nur den OP, sondern auch die Aus- sowie Weiterbildung. Im Gespräch erzählt er, warum ihn diese Entwicklungen antreiben, was junge Chirurginnen und Chirurgen mitbringen sollten und weshalb man in der Medizin nie aufhört zu lernen.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren in der Chirurgie tätig. Was begeistert Sie heute noch an Ihrem Beruf?

Ich empfinde es als grosses Privileg, gerade in dieser Zeit zu leben. Wie sich die Medizin zurzeit entwickelt, ist enorm. Wir können heute mit einer Präzision und Sorgfalt arbeiten, von der wir früher nur träumen konnten. Und gleichzeitig gibt es immer wieder etwas Neues zu lernen.

Ihre Karriere begann in Südamerika. Was hat Sie diese Zeit gelehrt?

Dort war Medizin rauer, direkter und sehr pragmatisch. Ich habe viele Unfallpatienten behandelt, teilweise unter dramatischen Umständen. Das hat mich geprägt: Man muss auch unter schwierigen Bedingungen Lösungen finden und den Menschen im Zentrum behalten.

Sie haben bereits die Einführung der minimalinvasiven Chirurgie miterlebt. Was haben Sie daraus für neue Technologien gelernt?

Dass man Innovation nicht aufhalten kann. Wir Jungen waren damals sehr motiviert, mit der neuen Technik zu arbeiten. Allerdings wollten auch die älteren Kollegen sie unbedingt anwenden – und so kamen wir teilweise kaum dazu. Das hat uns natürlich geärgert. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass man als erfahrener Chirurg irgendwann bewusst Platz machen muss, damit die nächste Generation Neues ausprobieren kann.

Heute arbeiten Sie selbst mit dem Da-Vinci-Roboter. Was hat sich dadurch verändert?

Wir können viel präziser arbeiten. Durch die starke Vergrösserung sehen wir anatomische Strukturen nochmals ganz anders. Ich hätte nie gedacht, dass ich nach 30 Jahren Chirurgie nochmals Anatomie neu lernen würde. Das ist für mich unglaublich spannend. Wir arbeiten hier immer zu zweit, wie ein Pilot und Co-Pilot es tun.

Und die Robotik verändert auch die Aus- und Weiterbildung.

Ja. Robotik gehört heute zur chirurgischen Aus- und Weiterbildung. Wir können bestimmte Fertigkeiten im Simulator trainieren und dadurch einen Teil der Lernkurve vorverlagern. Am Patienten sollte möglichst die Expertise stattfinden – nicht die erste Phase des Lernens.

Was sollte man für die Chirurgie mitbringen?

Freude an der praktischen Arbeit und ein gutes Gefühl für feine Bewegungen. Wer gerne bastelt, zeichnet oder mit den Händen arbeitet, bringt aus meiner Erfahrung gute Voraussetzungen mit. Chirurgie ist eben nicht nur Wissen, sondern auch Handwerk.

Neben der Robotik beschäftigt Sie aktuell die künstliche Intelligenz. Wo hilft sie Ihnen?

Vor allem bei der Recherche. Wenn ich nach Hause gehe und eine medizinische Frage habe, kann ich sehr schnell nach Evidenz suchen und mich weiter vertiefen. Gerade bei der Literatur hilft mir KI enorm, auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Was möchten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten mitgeben?

Investiert in euch selbst. Wenn ihr zusätzliche Zeit investiert, um eure Fähigkeiten zu verbessern, macht ihr das nicht für den Arbeitgeber, sondern für euer eigenes berufliches Profil. Je besser ihr werdet, desto mehr Möglichkeiten habt ihr. Diese Investition nimmt euch niemand weg und lohnt sich immer.

Was schätzen Sie an Ihrem heutigen Arbeitsumfeld bei den Solothurner Spitälern besonders?

Qualität wird hier wirklich gelebt. Es geht nicht nur um Zahlen oder schöne Berichte, sondern um den ehrlichen Anspruch, jeden Tag gute Medizin zu machen. Und ich habe den Eindruck, dass die Menschen hier gerne arbeiten.

Was machen Sie, wenn Sie einmal nicht im OP stehen?

Ich lese, schreibe und male. Meine Frau ist Lyrikerin, deshalb diskutieren wir gerne über Gedichte. Ein- bis zweimal im Jahr malen wir gemeinsam ein Ölbild. Das kann mehrere Wochen dauern, bis es fertig ist und ist ein schöner Prozess, den wir zusammen teilen.

Vielen Dank!

Ulrich Dietz

Prof. Dr.

Ulrich Dietz ist Chefarzt Chirurgie und Viszeralchirurgie beim Kantonsspital Olten und bringt langjährige Erfahrung in seinem Bereich mit.