Seit zehn Jahren arbeitet Patricia Graça in den Psychiatrischen Diensten im Spital Thun, seit 2019 als Oberärztin. Sie erzählt darüber, wie sie von ihrem ursprünglichen Wunsch, in der Gynäkologie zu arbeiten, sich dann doch für die Psychiatrie entschieden hat und was sie an diesem Umfeld auch heute noch begeistert.
Das Umfeld. Ich kenne inzwischen die Abläufe, die Menschen, die Kultur. Und genau das schätze ich sehr: Man arbeitet hier extrem interdisziplinär, der Austausch ist eng, die Wege sind kurz. Ärzt:innen, Psycholog:innen, Pflege, Sozialdienst, Kunst- und Bewegungstherapie – alle arbeiten wirklich gemeinsam für die Patient:innen. Dieses Miteinander ist für mich sehr wertvoll.
Sehr abwechslungsreich. Ich habe Einzelgespräche mit eigenen Patient:innen, bin Oberärztin in der Tagesklinik mit einer Visite pro Woche, Teil des Triage-Teams und ausserdem Hintergrundärztin für Pflegefachpersonen und Psycholog:innen, die Kriseninterventionen durchführen sowie für die Dienstärztinnen und -ärzte sowie -psycholog:innen. Dazu kommen administrative Aufgaben. Gerade diese Mischung gefällt mir sehr.
Bis circa Mitte des Studiums war Gynäkologie tatsächlich mein Plan. Aber im klinischen Alltag habe ich bemerkt, dass mich das operative Fach weniger anspricht. Der Umgangston, der Druck – besonders in Chirurgie und Geburtshilfe – das war für mich mental belastend. Gleichzeitig habe ich in Praktika gemerkt, dass mich in der Psychiatrie etwas anderes fasziniert: Man hat Zeit für Menschen. Mich interessiert oft mehr, wer jemand ist, als nur die Diagnose.
Man sieht enorm viel. Von jungen Erwachsenen bis ins hohe Alter, ambulant und teilstationär, inklusive Notfall. Gerade für angehende Hausärztinnen und -ärzte, Geriater:innen oder Kolleginnen und Kollegen, die bisher wenig Berührung mit Psychiatrie hatten, ist es ein sehr gutes Lernfeld. Das Teaching ist stark und man wird nicht allein gelassen.
Für jene, die sich gerne austauschen, die Geduld mitbringen und sich wirklich für Menschen interessieren. Wer nur auf Diagnosen fokussiert ist und möglichst schnelle Resultate will, tut sich eher schwer. Zudem eignet sich eine Uniklinik dagegen vielleicht besser für jene, die primär Karriere, Forschung oder hochspezialisierte akademische Laufbahnen suchen. Ich empfehle aber auch allen, die später in einer Hausarztpraxis, im Notfall oder auf der Geriatrie arbeiten, mal reinzuschnuppern. Fast alle begegnen den Themen täglich. Eine Zeit in der Psychiatrie hilft enorm, Symptome besser zu erkennen und Menschen ganzheitlicher zu verstehen.
Die Einzelsitzungen mit Patient:innen. Und ich kann meine Fremdsprachenkenntnisse einsetzen: Portugiesisch und Englisch helfen mir im Alltag oft sehr. Zudem denken viele, dass man den ganzen Tag nur Probleme hört. Dabei spielt auch Humor eine riesige Rolle. Man lernt unglaublich spannende Menschen kennen und bekommt Einblicke in Lebensgeschichten, die sehr berührend sind. Das ist ein grosses Privileg.
Akute Notfall- und Dienstsituationen, beispielsweise mit stark agitierten Patient:innen und Polizeiaufgebot. Man erlebt dort aussergewöhnliche Situationen, lernt viel – aber man merkt auch die Grenzen des Machbaren. Besonders schwierig finde ich Momente, in denen Patient:innen grosse Angst haben und man nicht sofort alles lösen kann. Emotional ist das anspruchsvoll.
Fordert Unterstützung aktiv ein. Viele Assistenzärztinnen und Assistenzärzte denken anfangs, sie müssten möglichst alles allein schaffen. Dabei ist Austausch zentral - lieber einmal mehr nachfragen und sagen, was man sich überlegt hat.
Vielen Dank!

Dr. med.
Dr. med. Patricia Graça ist bereits seit mehr als zehn Jahren beim Spital Thun in den Psychiatrischen Diensten tätig.