Christiane Meier erzählt, warum Prävention ihre neue Berufung ist, weshalb der Abschied von der Patientinnenarbeit dennoch schmerzte und wieso sie ihren Entscheid keine Sekunde bereut.
Als Chefärztin bei den Städtischen Gesundheitsdiensten Zürich behandelt Christiane Meier (Prävention und Public Health) nicht Patientinnen und Patienten, sondern sorgt dafür, dass manche Menschen gar nicht erst krank werden. Im Gespräch erzählt sie, warum sie den Abschied von der klinischen Medizin nicht bereut – und warum er trotzdem nicht ganz einfach war.
Nach dem Studium habe ich eine klassische klinische Karriere gestartet, mit dem Ziel, Hausärztin zu werden. Schon in der Chirurgie und noch stärker in der Gynäkologie ist mein Interesse an der Gesundheitspolitik gewachsen. Ich habe mich oft gefragt: Wie könnte man das Gesundheitswesen so gestalten, dass die Menschen in ihrem Gesundheitsverhalten etwas selbstständiger werden? Eher durch Zufall habe ich vom Master in Public Health, kurz MPH, erfahren und fand eine Stelle am heutigen Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, bei der ich gleichzeitig den MPH machen konnte.
Nein, ich hatte diesen MPH eher als einjährige Auszeit geplant. Als dieses Jahr zu Ende ging, habe ich mir Vor- und Nachteile sowie Chancen und Risiken notiert und gemerkt, dass ich in diesem Bereich bleiben und dort meinen Facharzttitel machen möchte.
Ich selbst wusste schnell, dass er richtig war. Aber ich habe damit gehadert, dass andere Leute mich als Versagerin betrachten könnten, die zu wenig stark war und aufgegeben hat. Das hat natürlich niemand je so gesagt, aber dieses Gefühl hat mich lange begleitet.
Durch die Überzeugung, dass meine Arbeit wichtig und sinnstiftend ist.
Mich reizen Fragen wie: Was hält die Menschen gesund? Was können wir tun, damit sie in Verhältnissen leben, in denen sie gesund bleiben? Und wie können wir sie motivieren, ein ungesundes Verhalten zu ändern? Extrem spannend ist auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ich habe mit Leuten aus dem Sicherheitsbereich zu tun, also Polizei und Zivilschutz, ebenso wie mit Menschen aus dem Umweltbereich, etwa bezüglich Stadtgestaltung. Im Gegensatz zur Klinik, wo erkrankte Menschen behandelt werden, sind wir dort tätig, wo das Gesundheitsverhalten geprägt wird.
Ich finde es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte zunächst klinische Erfahrung sammeln. Nur so können sie einschätzen, was sie verlassen, wenn sie in den Public-Health-Bereich oder ein anderes nicht klinisches Fach wechseln. Man muss sich bewusst sein, dass dort der direkte Patientenkontakt weitgehend fehlt. Zudem braucht es einen langen Atem, denn beispielsweise zur Präventivmedizin gehört, dass der Nutzen erst viel später anfällt – unmittelbare Erfolgserlebnisse wie im klinischen Alltag bleiben meist aus. Dafür ist es in diesem Bereich oft einfacher, Beruf und Privatleben zu vereinen. Man muss sich aber nicht unbedingt für das eine oder das andere entscheiden, sondern kann auch auf interessante Weise beides kombinieren.
Wichtig ist eine gewisse Offenheit und Flexibilität: Es kommt nicht immer alles so, wie wir uns das vorstellen, einiges ist Zufall, und manches können wir nicht direkt beeinflussen. Dies zu akzeptieren, schont die Nerven und gibt Energie für anderes. Zudem versuche ich, auch in stressigen Zeiten immer wieder kleine Inseln zu schaffen, in denen ich Zeit mit Menschen verbringe, die mir guttun, wo ich mich draussen bewege oder andere Aktivitäten mache, die ich mag. Während der Pandemie habe ich zudem vermehrt gelernt, Dinge abzugeben – auch wenn diese dann nicht genau so gemacht werden, wie ich das getan hätte. Und schliesslich ist Humor extrem wichtig: Zusammen lachen verbindet und entspannt.